Heute habe ich in einer seit mehr als vierzig Jahren unverändert eingerichteten Berliner Wohnung ein Verzeichnis mit Vorwahlnummern in die Hand genommen. Eigentlich wollte ich nur...
...kurz eine Vorwahl nachschlagen, als mich danach auf dem hinteren Schutzumschlag unter der Überschrift Lebensmittel und Trinkwasser der Hinweis festhielt, dass ich mir für den Fall einer Störung der Lebensmittel- und Trinkwasserversorgung einen Notvorrat für 14 Tage anlegen sollte. In einer Tabelle darunter waren in der ersten Spalte Beispiele für Vollkonserven, Milch und Fette, Trockenvorräte und Sonstiges aufgelistet, in folgender Spalte die empfohlene Menge auf Grundlage eines 2000 Kilokalorienbedarfs und zuletzt die Lagerdauer entsprechend den Empfehlungen des Bundesministers für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Weiter stand dort, dass ich für 14 Tage 2 Liter Flüssigkeit pro Tag und Person bevorraten sollte, was für meinen 3 Personen Haushalt insgesamt 84 Liter gewesen wären.
Während ich so in Gedanken Getränkekästen stapelte und bald auch Thunfisch- und Fleischkonserven neben Kondensmilch, Zucker, Salz und Kaffeepaketen aufbaute, kostete ich mein Unbehagen aus, bis ich mich erinnerte, dass ich eben solch vollgepackte Keller in meiner Kindheit gesehen hatte. Ich ahnte bereits, welchem Spuk ich aufgesessen war und beeilte mich die noch folgenden Überschriften wie Tipps – noch mit einem p geschrieben – für die Vorratshaltung, Beleuchtung, Notgepäck, Dokumentensicherung und Selbstschutzausbildung zu überfliegen. Über all dem stand der Bundesverband für den Selbstschutz als Informationsquelle mit wichtigen Hinweisen zur Vorsorge und Eigenhilfe des Bürgers. Zudem wurde ich aufgefordert zur vorherigen Seite zurückzublättern, um den Anfang nicht zu verpassen.
Sofort fiel es mir wieder ein, wie ich das alles schon einmal gesehen und zu bedeutsam befunden hatte, um es zu entsorgen, was da zuletzt 1992 über die Beilage zum Telefonbuch mit nationalen und internationalen Vorwahlnummer an deutsche Haushalte verteilt worden war. Unter der Überschrift Sirenensignale waren jene Signale beschrieben für "den hoffentlich nie eintretenden Verteidigungsfall der aber trotz aller Friedensbemühungen leider nicht ganz ausgeschlossen werden" konnte, für Feueralarm, Luftalarm, ABC-Alarm und Entwarnung. Ja, ich war schockiert gewesen und hatte damals die nächste Auflage des Verzeichnisses der Vorwahlen, herausgegeben von der Deutschen Telekom am 1. Januar 1996, auch behalten und dazu gelegt. Auf der Rückseite stehen hier die Durchwahlnummern des Deutschen Wetterdienstes vor pinkem Himmel mit rosa Wölkchen.
Fazit: Rosarote Entwarnung seit 1996.
cp